Neues aus der Autismusforschung
Wir stellen in Kundenprojekten immer wieder fest, dass unsere autistischen Kolleg*innen Sachverhalte neutraler, sachlicher und unbeeinflusster beurteilen als ihre „neurotypischen“, also nicht-autistischen Kolleg*innen. Sie lassen sie sich weniger von früheren positiven oder negativen Erfahrungen leiten, gehen jede Aufgabe unvorbelastet als neue Herausforderung an und haben oft ein unabhängiges und weniger emotionales Verhältnis zu Teamkollegen.
Bei vielen Autist*innen habe ich außerdem ein starkes Gerechtigkeitsempfinden bemerkt. Sie haben den Wunsch, dass alle Menschen neutral und gleich behandelt werden und das bekommen, was ihnen zusteht.
Ein Artikel der Autismus-Experten Dr. Leonhard Schilbach und Irini Chaliani vom LVR Düsseldorf, Paul Forbes von der Universität Wien und Tobias Kalenscher von der Universität Düsseldorf beweist: Autist*innen entscheiden rationaler und gerechter und sind bei sozialen Handlungen wie dem Teilen von Ressourcen unbeeinflusster und neutraler als Nicht-Autisten.

Soziale Diskontierung lässt Nicht-Autist*innen ungerecht handeln
In der Studie trafen die Probanden – erwachsene Autist*innen und Nicht-Autist*innen – Entscheidungen darüber, wie sie Geld mit verschiedenen Personen teilen sollten. Darunter waren Personen, denen sie sich nahe fühlten wie Freunde und Verwandte, sowie Personen, denen sie weniger nahe standen, z. B. Fremde.
Die Nicht-Autist*innen zeigten eine abnehmende Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft, je größer die soziale Distanz zu dem anderen Menschen war. Das Verhalten nennt man soziale Diskontierung: Wem ich mich verbunden fühle, mit dem teile ich lieber, als mit jemandem, den ich gar nicht kenne. Es wird beeinflusst durch
- soziale Eigenschaften und Fähigkeiten, wie z. B. Empathie
- psychologische Faktoren, wie z. B. Voreingenommenheit bei der Entscheidungsfindung
Die autistischen Erwachsenen in der Studie verhielten sich anders: Sie waren insgesamt großzügiger und teilten mehr von ihrem Geld als die neurotypischen Teilnehmer. Das kam dadurch, dass sie vergleichsweise höhere Summen an sozial entfernte Personen vergaben als die Nicht-Autist*innen.
Manipulation und Framing bei Autisten
Spannend ist dabei außerdem die Tatsache, dass die Autist*innen in der Studie auch weniger manipulierbar durch Framing waren: Ob ihnen das Ergebnis ihrer Handlung so dargestellt wurde, dass sie dem Geldempfänger monetäre Vorteile bringen würden, oder ob es so dargestellt wurde, dass sie bei den Empfängern monetäre Verluste verhindern würden, spielte für ihre Entscheidung keine Rolle. Also einfach gesagt: Ob ein Geldempfänger sowieso schon stinkreich oder ein armer Schlucker ist, ist unwichtig.
Vorurteil der sozialen Inkompetenz widerlegt
Autistinnen wird gerne nachgesagt, dass sie aufgrund einer anderen Art der sozialen Interaktion auch weniger soziale Kompetenz besitzen als Nicht-Autistinnen. Die Versuchsreihe zeigt aber genau das Gegenteil: Die Autistinnen waren großzügiger und trafen logisch konsequentere und gerechtere Entscheidungen über eine gleichmäßige Aufteilung des Geldes.
Autismus geht mit einer Rationalität einher, die verhindert, dass Entscheidungen von potenziell verzerrenden Informationen beeinflusst werden, wie z. B. der Nähe des Empfängers oder der Art und Weise, wie der Einfluss der Geldspende auf die Situation des Empfängers dargestellt wird. Das Vorgehen der autistischen Probandinnen der Studie ist unabhängiger und neutraler als das der Nicht-Autist*innen – und damit handeln sie eigentlich viel sozialer!
Autor: Ursula Schemm

Ursula Schemm ist seit Juni 2019 bei auticon für Unternehmenskommunikation und Marketing bei der auticon Deutschland GmbH zuständig. Sie hat viele Jahre in strategischen Kommunikationsagenturen für B2B IT Unternehmen sowie im Vertrieb und Marketing eines Versicherungskonzerns gearbeitet und persönlichen Bezug zu neurodivergenten Menschen. Bei auticon bringt sie diese beiden Welten kommunikativ zusammen.