Autistische Ästhetik in der Softwareentwicklung
Schon im Jahr 2019 hat die „Developer Survey 2019” auf dem Entwicklerportal Stack Overflow ergeben, dass 2,6 % der teilnehmenden Programmierer im Autismus-Spektrum waren. Der Anteil unter Programmierern war damit deutlich höher als der Anteil an Autist*innen an der Allgemeinbevölkerung, der damals mit 1% beziffert wurde. Zudem hatten 6,4% der teilnehmenden 90.000 Entwickler aus der ganzen Welt eine ADHS-Diagnose oder ADHS-ähnliche Symptome, können also ebenfalls dem neurodivergenten Spektrum zugeordnet werden.

Inzwischen werden neurodivergente Konditionen insgesamt viel häufiger diagnostiziert als noch 2019 , man kann also auch im Bereich Programmierung davon ausgehen, dass die Zahlen deutlich gestiegen sind. Woher kommt diese Häufung und warum sind Autist*innen so gute Softwareentwickler*innen? Wir gehen dem Geheimnis ihres Erfolges auf den Grund und zeigen, wie Teams und Projekte davon profitieren können.
Coding korrespondiert mit autistischer Wahrnehmung
Zunächst einmal entspricht Softwareentwicklung ganz einfach den Stärken und Neigungen vieler autistischer Menschen:
- Kommunikation muss für viele Autist*innen klar und eindeutig sein. Softwareentwicklung und generell die Interaktion mit Computern basiert auf einer „wörtlichen“ Sprache, die unmissverständlich und präzise ist. So, wie eine Funktion programmiert wird, so wird sie auch ausgeliefert
- Autist*innen denken oft außergewöhnlich logisch. Genau diese Logik und die hohen Problemlösungsfähigkeiten sind in der Softwareentwicklung gefragt
- Sie gehen gerne strukturiert und vorausplanend vor, organisieren sich vor dem Beginn einer Aufgabe und bevorzugen klar definierte Tasks mit vorhersehbaren Ergebnissen. Auch das ist in der Softwareentwicklung gegeben
- Sie haben die Kontrolle über ihren Computer und ihre Fortschritte, das gibt ihnen Sicherheit. Sie fühlen sich in dieser Arbeitsumgebung wohl
- Das Lesen und Interpretieren von Codezeilen macht einen großen Teil der Softwareentwicklung aus. Diese sehr visuelle Arbeit entspricht der autistischen Funktionsweise des Gehirns; die Wahrnehmung von Autist*innen ist besonders detailorientiert bis hin zur Hyperfokussierung, die ihnen eine intensive Konzentration auf kleinste Details ermöglicht
Programmieren ist also für viele Autist*innen ein Bereich, in dem sie sich besonders wohlfühlen und ihn dem sie besonders brillieren können. Viele IT-Spezialisten bei auticon haben bereits in der Kindheit damit begonnen, und für viele ist es weit mehr als nur ein Job.
So beschreibt es zum Beispiel unser Kollege Jürgen Schuch: Bei der Zürich Versicherung hat er tausende Zeilen von Code in nur etwa vier Monaten getestet und dokumentiert, um die Migration des kundespezifischen CRM in die Cloud zu ermöglichen. Trotz des großen Umfangs des Projekts erfüllte Jürgen Schuch seinen Anspruch, dass der Code zum Schluss in seinen Augen auch „schön“ war: sauber, selbsterklärend und perfekt strukturiert.

Autist*innen sind vielfältig einsetzbare “Code-Künstler”
Dieses ästhetische Empfinden, die Leidenschaft, die schon fast künstlerische Herangehensweise und das besonders hohe Qualitätsbewusstsein zeichnen viele auticon-Entwickler*innen aus. Dazu kommen wie im Beispiel der Zurich Versicherung Fähigkeiten wie Detailgenauigkeit, Mustererkennung, hohe Konzentrationsfähigkeit, ein hervorragendes Gedächtnis und eine gute Fehlererkennung, die Projektleiter Stefan Kübitz voraussetze. Es war schwer, jemand Passenden zu finden – bei auticon wurde er fündig, denn unsere Spezialist*innen bringen genau diese Stärken mit.
Die Einsatzmöglichkeiten für sie sind ungemein vielfältig, denn unter ihnen sind auch hervorragende Tester, Testautomatisierer, Data Scientists oder Datenbankspezialisten. >80 % unserer gesamten Workforce haben Entwickler-Know-how. Das zeigen zwei Beispiele aus unserer Kundenerfahrung – ganz unterschiedliche Szenarien aus der Finanzbranche und dem Automobilbereich, in denen auticon-Spezialisten Teams und Projektleiter mit ihrer hohen Kompetenz und besonderen kognitiven Fähigkeiten begeistert haben:
Beispiele aus der Praxis
Szenario 1: Business Continuity in besonders kritischem Bereich
Durch die eigene Art, wie autistische Gehirne Informationen verarbeiten, können sie sich sehr schnell und umfassend in die jeweilige Umgebung und Thematik einarbeiten. Bei einem auticon-Projekt für die HypoVereinsbank war das besonders wichtig, denn hier lag die Herausforderung vor allem im Verständnis der kritischen Geschäftsprozesse und einem besonders analytischen Blick darauf:
Aufgabe: Konkret ging es um die Analyse von Massendaten im hochkritischen Business Continuity Bereich: Ausfälle und Downtimes der IT-Infrastruktur der HypoVereinsbank können zu immensen finanziellen Schäden und Imageverlust führen und müssen unbedingt vermieden werden. Die Fragestellung war, welche Maßnahmen und Ressourcen dafür nötig sind.
Lösung: Erstes Etappenziel war die vollumfängliche Prüfung jeglicher Risikoszenarien für die HVB-Rechenzentren im Rahmen agiler Arbeitsprozesse und die Qualitätssicherung und Plausibilitätskontrollen. In der Folge programmierten Autisten von auticon eine BIA Software, mit der das HVB-IT-Team Risikoszenarien durchspielen kann und erkennt, welche Ressourcen für ein Aufrechterhalten des Geschäftsbetriebes unbedingt nötig sind. Hier kamen die besonderen analytischen Fähigkeiten der autistischen Spezialisten voll zur Geltung, denn Business Impact Analysis (BIA) als unverzichtbarer Bestandteil von Business Continuity Management basiert auf der Annahme, dass jede Komponente in einer Organisation von der Funktion jeder anderen Komponente abhängig ist, aber einige davon verzichtbarer sind als andere. Die Programmierung des BIA Tools verlangte ein tiefes Verständnis dieser organisatorischen Zusammenhänge und Abhängigkeiten und ausgeprägte Entwicklerfähigkeiten, um eine Analyse genau dieser Wechselbeziehungen abzubilden.

„Eine neue Betrachtungsweise und spezielle analytische Fähigkeiten waren gefragt, und so kamen wir mit auticon ins Gespräch. Die Zusammenarbeit war überaus fruchtbar und zielführend.“
—Tibor Konya, Head of GSE1 Business Continuity & Intelligence, HypoVereinsbank
Szenario 2: Softwareentwicklung „from scratch“ für zentrale Informationsbereitstellung
Bei Bedarf stellen wir auch ein komplettes Team, das mit Ihren Entwicklern führend zusammenarbeitet. Agile Umgebungen sind dabei kein Problem, wie dieses Projekt zeigt, das auticon bei einem deutschen Automobilkonzern umgesetzt hat:
Aufgabe: Entwickelt wurde hier eine neue Softwareplattform für die Bereitstellung von Informationen und Fahrzeugdaten für die Werkstätten des Konzerns weltweit. Bislang wurden diese Informationen über ein 10 Jahre altes zentrales Freigabe- und Veröffentlichungssystem für fahrzeugrelevante Software im Bereich Diagnose und Softwareupdates bereitgestellt, das an seine Grenzen kam.

Ein Ausfall des Systems hätte zur Folge gehabt, dass weltweit keine Fahrzeugdaten mehr zur Verfügung stünden, auch sicherheitskritische Informationen nicht. Reparaturen, Kundendienste oder Ausbauten wären nicht mehr möglich gewesen.
Lösung: auticon unterstützte hier mit einem kompletten Team, dessen Mitglieder gut aufeinander eingestellt sind und auch mit den Spezialisten des Auftraggebers hervorragend interagiert haben. Führend war ein sehr erfahrener Senior Software-Architekt, der von bis zu drei Entwicklern und einem Testautomatisierer unterstützt wurde.
Die auticon-Spezialisten arbeiteten beim Kunden in einem agilen Entwicklungsteam mit bis zu 10 Personen. Entwickelt wurde eine innovative qualitativ hochwertige und zukunftsfähige Plattform, die durch ihren modularen Aufbau skalierbar ist und einen langfristen Einsatz ermöglicht. Einzelne Teile können ausgetauscht werden, ohne dass das komplette System lahmgelegt wird. Stichworte sind hier Clean Code und Test-Driven Development: Durch die hohe Sorgfalt und Detailgenauigkeit der Autist*innen und ihren hohen Qualitätsanspruch auch im Bereich Testing und Testautomatisierung ist „schöner“, sauberer Code entstanden.
Autor: Ursula Schemm

Ursula Schemm ist seit Juni 2019 für Unternehmenskommunikation und Marketing bei der auticon Deutschland GmbH zuständig. Sie hat viele Jahre in strategischen Kommunikationsagenturen für B2B IT Unternehmen sowie im Vertrieb und Marketing eines Versicherungskonzerns gearbeitet und persönlichen Bezug zu neurodivergenten Menschen. Bei auticon bringt sie diese beiden Welten kommunikativ zusammen.